Wir haben BeReal getestet. Die derzeit gehypte Social App, die uns den Menschen in unserem Leben (noch) näher bringen soll, indem wir ungefilterte, unbearbeitete Fotos von uns in Alltagssituationen veröffentlichen. Warum soll das lustig sein?

Wir erinnern uns: Social Media sollten uns ursprünglich miteinander vernetzen und uns am Laufenden halten, was unsere Mitmenschen so machen. Durch die zunehmende Professionalisierung, dem Anteil an Werbe-Inhalten unsere immer kürzer werdende Aufmerksamkeitsspanne werden die Plattformen mittlerweile von Entertainment und durchgestylten Inhalten dominiert.

Wir gehen die beliebtesten Plattformen mal durch: Auf TikTok finden wir kurze, pointierte Clips von Fremden, der besonders gefinkelte Algorithmus unterhält uns mit immer mehr von dem, was wir lustig oder spannend finden (könnten). Auf Instagram sehen wir Hochglanzfotos und -videos von Freund:innen und Influencer:innen. Auf Facebook sehen wir – vermutlich gar nicht mehr so viel, weil entweder wir selbst oder unsere Mitmenschen, mit denen wir uns dort vor Urzeiten vernetzt haben, selbst nicht mehr aktiv sind. LinkedIn war noch nie eine „Zeig mir deinen Alltag“-Plattform. Und Twitter ist grad besonders anstrengend (finden wir).

Also back to the roots quasi, wir lassen uns einmal täglich überraschen und bekommen von BeReal eine Benachrichtigung, dass wir JETZT GENAU ZWEI MINUTEN ZEIT HABEN UM ETWAS ZU POSTEN. Puh! Kann losgehen. Zu sehen bekommen das dann – je nach Einstellung – entweder alle oder nur unsere Freund:innen, die wir in den Tiefen der TikTok Videos aus den Augen verloren haben, AI sei Dank.

Pros und Contras

  • Ok das ist lustig, innerhalb von zwei Minuten ein Foto machen zu müssen – beziehungsweise zwei, denn die Frontkamera und die Kamera des Smartphones machen gleichzeitig ein Foto. Gar nicht so einfach, nicht wie ein Depp auszusehen oder das unaufgeräumte Wohnzimmer herzuzeigen.

Erster BeReal Versuch im Büro. Bürofotos sind sehr, sehr häufig zu sehen (und eher mäßig spannend)

 

  • Das ist eine nette Gegenthese zu den hunderten Instagramfotos und Hochglanzvideos, die wir jeden Tag zu sehen bekommen. Macht Spaß!
  • Die Fotos werden nicht am Profil gespeichert, nur für einen selbst, als Memorylane. Das ist ganz fein weil es einem die Hemmungen nimmt, auch mal ein nicht so tolles Foto zu posten und damit die Idee der App besser umzusetzen (Anmerkung, die hoffentlich nicht nötig ist: Dinge, die nicht ins Internet gehören, sollten überhaupt gar nicht gepostet werden. Auch nicht auf Plattformen, die dann eh gleich wieder alles löschen. Wissen wir spätestens seit Snapchat. Räusper.)
  • Eindeutiger Pluspunkt ist, dass man mit dieser App nur recht wenig Zeit verbringen kann. Man postet sein (Late) BeReal und schaut sich diejenigen der Freund:innen an, kommentiert oder reagiert vielleicht und geht dann wieder. Stundenlanges Dauerscrollen passiert nicht und das ist angenehm, wie ein natürlicher Aus-Schalter. Mit wachsender Community und irgendwann hunderten Freund:innen in der App wirds dann aber wohl auch viel, wenn alle gleichzeitig ihr Foto raushauen.

Ich kann die Beiträge meiner Freund:innen erst sehen, wenn ich selbst gepostet habe.

  • Die Realität ist sehr oft einfach sehr langweilig. In den ersten Tagen kam die Benachrichtigung immer dann, wenn wir im Büro waren. Und unsere Freund:innen offenbar auch, wir haben jede Menge Bildschirmfotos und Schreibtisch-Selfies zu sehen bekommen. Das ist eh nett, aber auch nicht wahnsinnig aufregend (Sorry, liebe Freund:innen!) Morgens oder abends sind die Beiträge dann schon etwas abwechslungsreicher.
  • Die App bringt uns weg von gestellten und „falschen“ Einblicken, sondern soll das Leben so zeigen, wie es ist. Frage: Wollen wir das überhaupt? Interessiert es mich, dass Christina gerade Milch einkauft oder Peter vorm Computer sitzt und arbeitet? Hat damit Social Media als Highlight-Reel nicht auch seinen Sinn und seine Berechtigung? Denn eigentlich freuen wir uns, die Top-Momente unser Freund:innen zu sehen, wenn sie auf einem coolen Konzert waren oder ein super Restaurant besucht haben. Alltag haben wir selbst genug.
  • Was wir schade finden: Ein „BeLate“ kann immer nachträglich gepostet werden – das nimmt ein bisschen die Herausforderung des Ganzen. Wenn wir eh jederzeit das Posting nachholen können, warum sollten wir es dann innerhalb der vorgesehenen 2 Minuten machen?

ACHTUNG JETZT HAST DU ZWEI MINUTEN ZEIT – oder du machst dein Foto einfach später. Auch egal.

Fazit

Wir fassen zusammen: Wir finden die Idee lustig und sind jetzt auch drei Wochen dabei geblieben. Es ist ein netter Zeitvertreib, der aber auch nicht übermäßiges Suchtpotential hat – mehr als ein Posting pro Tag ist nicht gefragt. Die Sache mit den „BeLate“-Postings macht die Idee unserer Meinung nach aber ziemlich zunichte. Für den Austausch mit den paar Leuten, die die App auch gerade nutzen, war sie ganz fein und hat uns die Möglichkeit gegeben, ein paar Einblicke in ihre Leben zu erhalten. Bei mehr als zehn Kontakten in der App wäre aber der Voyeurismus dann auch wieder gestillt.

 

Update: TikTok findet BeReal scheinbar auch interessant und hat einen Klon veröffentlicht namens TikTok Now.

 

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